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Swissgrid kontrolliert das Schweizer Übertragungsnetz (hier im Urner Etzlital) regelmässig per Hubschrauber.Bild: Swissgrid

Zeitschriften | Verband & Politik – Lesezeit 2 min.

«Forstwirtschaft im klassischen Sinn ist meist gar nicht möglich»

Gaëtan Grossrieder ist Förster, und zwar bei Swissgrid, der Betreiberin des Schweizer Übertragungsnetzes. Er muss dafür sorgen, dass Wald und Vegetation den Stromleitungen nicht zu nahe kommen. Der Umweltmanager hat aber auch Spielraum für ökologische Massnahmen.

Ralph Möll | «Sicherheit ist das oberste Gebot. Während der neun Jahre, die ich nun für Swissgrid arbeite, ist es auf meinen Baustellen noch nie zu einem Unfall gekommen», sagt Gaëtan Grossrieder nicht ohne Stolz. Der 42-Jährige ist als Förster bei Swissgrid angestellt. Swissgrid betreibt das Schweizer Übertragungsnetz, auf welchem Strom von den Kraftwerken oder aus dem Ausland in die Schweiz transportiert wird. Auf dem Übertragungsnetz fliesst der Strom mit einer Spannung von 380 000 oder 220 000 Volt. Es wird daher auch als Höchstspannungsnetz oder Netzebene 1 bezeichnet.

Vereinfacht gesagt ist Swissgrid dafür zuständig, dass stets so viel Strom ins Schweizer Netz eingespeist wird, wie gerade verbraucht wird. Das hört sich einfacher an, als es tatsächlich ist. Die Stromflüsse rund um die Uhr im Gleichgewicht zu halten, ist unglaublich komplex, vor allem, wenn plötzlich ungeplante Lasten aus den Nachbarländern ins Schweizer Übertragungsnetz gelangen. Bei 41 Leitungen, welche die Schweiz mit dem umliegenden Ausland verbinden, geschieht das viel häufiger, als den Verbrauchern bewusst ist. Auf den tieferen Netz­ebenen 3, 5 und 7 – dem Verteilnetz – transportieren regio­nale und lokale Energieversorgungsunternehmen den Strom mit geringerer Spannung – diese Umspannung erfolgt auf den Netzebenen 2, 4 und 6 – zu den Verbrauchern.

6700 km Leitung, 12 000 Masten

Das Schweizer Übertragungsnetz ist 6700 km lang und umfasst 12 000 Strommasten für Freileitungen. Viele dieser Leitungen führen über und durch bewaldetes Gebiet. Um sicherzustellen, dass sich Leitungen und Vegetation dabei nicht in die Quere kommen, beschäftigt Swissgrid sechs Förster; jeweils einen pro Stützpunkt in Castione (TI), Landquart (GR), Laufenburg (AG), Ostermundigen (BE), Prilly (VD) sowie Uznach (SG). Gaëtan Grossrieder ist in Ostermundigen stationiert. Sein Einsatzgebiet erstreckt sich vom Kanton Jura bis zum Grimselpass (BE/VS). Der 42-Jährige lebt in Noréaz (FR) und hat 2013 die Försterschule in Lyss (BE) abgeschlossen.

Zu Beginn seiner Tätigkeit bei Swissgrid wurden die Trassen ausschliesslich durch Sichtkontrolleure abgelaufen, die sämtliche Befunde meldeten. «Das ging von Vogelnestern auf Masten über zu nah wachsende Bäume bis zu gebrochenen Isolatoren.» Das führte naturgemäss zu vielen Meldungen, die zwar lange nicht alle prioritär waren, die Förster und Anlagenverantwortlichen mangels genauerer Informationen aber trotzdem prioritär behandeln mussten. Heute nutzt Swissgrid moderne Lidar-Daten, um den Zustand der Netzin­frastruktur zu kontrollieren, was auch dazu geführt hat, die Anzahl prioritärer Einsätze massiv zu reduzieren. Pro Jahr kommt ein Swiss­grid-Förster auf etwa 60 Einsätze (dringende und nicht dringliche). Die Lidar-Daten zur Netzinfrastruktur werden alle zwei Jahre erhoben. Darauf basierend werden Eingriffe geplant und abgearbeitet. «Diese Aufnahmen sind sehr detailliert. Wir können darauf beinahe die Nadeln zählen.» So sehe man genau, welche Bäume entfernt werden müssten und welche stehen bleiben könnten. Pro Jahr findet weiterhin eine Begehung mit Sichtkontrolle statt, bei der Kontrolleure jeden Maststandort überprüfen.

Leitungsverordnung legt Abstände fest

Wann die Vegetation rund um die Netz­infrastruktur zurückgeschnitten werden muss, liegt nicht im Ermessen der Swissgrid-Förster oder der Anlagenverantwortlichen, sondern ist in der Verordnung über elektrische Leitungen (LeV) klar definiert: Der Abstand muss 2,5 Meter plus 1 Zentimeter pro Kilovolt betragen. Bei einer 220-kV-Leitung beträgt der minimale Abstand also 4,7 Meter, bei einer 380-kV-Leitung sogar 6,3 Meter. Aus Sicherheitsgründen baut Swissgrid noch etwas mehr Marge ein und hat Minimalabstände von
5 respektive 7 Metern festgelegt. Wird ein Eingriff nötig, nimmt Gaëtan Grossrieder diesen nicht selbst vor: «Wir arbeiten immer mit den lokalen Forstbetrieben oder einem Forstunternehmen aus der Region zusammen, denn sie kennen die Waldeigentümerin respektive den Waldeigentümer, während ich ‹ein Fremdling› bin. Und sie kennen auch die topografische Situation im Gelände.» Während Ersteres für die Verhandlungen und das Vertrauen eine Rolle spielt, ist Letzteres für die Forst­arbeit zentral. «Unsere Netze sind nicht so angelegt, dass daneben Forstwirtschaft im klassischen Sinn möglich ist. Meist handelt es sich um schwierige Schläge, bei denen die Bäume gar nicht ‹schön› fallen können.» Wohl müsse ein Forstwart auch unter normalen Umständen vor dem Schlag genau abwägen, wie ein Baum fallen soll, «aber hier kommen noch Leitungen und Masten als zusätzliche Herausforderungen hinzu».

Frühzeitig und sorgfältig planen

Genau diese Situationen machten seine Arbeit aber interessant, sagt Gaëtan Grossrieder: «Wir müssen Schläge sehr genau und weit voraus planen, beispielsweise, wenn wir Stämme per Helikopter ausfliegen müssen.» Beträgt nämlich der Abstand zwischen Leitung und Transportleine weniger als 20 Meter, muss der Strom auf dieser Leitung ausgeschaltet werden. Im Gegensatz zum heimischen Wohnzimmer ist das auf dem Übertragungsnetz allerdings deutlich umständlicher. Eine solche Abschaltung erfordert viele Absprachen und grossen Koordinationsaufwand aller Beteiligten.

Gaëtan Grossrieder arbeitet auch aus Verständigungsgründen gerne mit lokalen Forstbetrieben und -unternehmern zusammen. Der Romand spricht zwar besser Deutsch als das Gros der Deutschschweizer Französisch, dennoch ist er bei Verhandlungen bisweilen froh, jemanden an seiner Seite zu haben, der die Sprache der Waldeigentümerin respektive des Waldeigentümers spricht. Und verhandeln muss der Förster oft, denn die Verträge sind in vielen Fällen so alt wie die Leitung selbst. Viele datieren noch aus den 1950er- oder 1960er-Jahren und wurden direkt zwischen den lokalen Energieversorgern, die damals noch für den Netzbetrieb zuständig waren, und den Waldeigentümerinnen und -eigentümern abgeschlossen. Als Swissgrid die Koordination des Übertragungsnetzes übernahm, übernahm sie gleichzeitig auch die bestehenden Verträge und Dienstbarkeiten.

Früher waren die Waldeigentümer oft Landwirte, die für sich selbst Holz aus ihrem Wald holten und über die dafür nötige Ausrüstung verfügten. Wuchs ein Baum zu nah an eine Leitung, gab das entsprechende Werk dem Landwirt Bescheid, damit er die betreffenden Bäume fällen ging. Das ist heute allein schon aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich. Deshalb beauftragt Swissgrid Forstprofis für solche Arbeiten. «Die kennen unsere Sicherheitsvorschriften und setzen sie auch um. Ausserdem verfügen sie über die nötige Ausbildung und Ausrüstung.»

Swissgrid übernimmt nicht nur die ganze Organisation und Planung solcher Sicherheitsschläge, sondern lässt geschlagenes Holz auch bis zur nächsten befahrbaren Strasse rücken, von wo es Waldeigentümerinnen und -eigentümer abverkaufen können. Den Erlös dürfen sie behalten. Und wenn sich das Rücken der Stämme nicht lohnt, weil der Schlag in abgelegenem oder schwer zugänglichem Gebiet erfolgt? «Dann entschädigt Swissgrid die Eigentümerin respektive den Eigentümer, und zwar basierend auf Marktpreisen. So werden alle gleich behandelt.»

Es gebe aber auch Fälle, bei denen man ein wenig diskutieren müsse. «Wir haben dann schon ein oder zwei Ster Brennholz als Ersatz angeboten», sagt Gaëtan Grossrieder. «Und wenn jemand partout seine zwei Buchen gerückt haben möchte, dann machen wir auch das. Denn dazu sind wir gemäss der Dienstbarkeitsverträge verpflichtet.» Das komme aber selten vor, und zumeist verstehe er sich gut mit den Waldeigentümerinnen und -eigentümern: «Für mich ist eine Beziehung dann gut, wenn die Verträge in der Schublade bleiben können.»

Waldeigentümerinnen und -eigentümer erhalten von Swissgrid eine Entschädigung für die Nutzung des Areals für die Netzinfrastruktur sowie für den Bewirtschaftungsverzicht. Grundsätzlich stehen ihnen alternative Nutzungsmöglichkeiten ihres Grund und Bodens nach wie vor offen, sofern die Sicherheitsbestimmungen im Bereich von Höchstspannungsleitungen eingehalten werden. Swissgrid ist zwecks Wartung und Unterhalt der Infrastruktur allerdings auf möglichst uneingeschränkten Zugang angewiesen. Daher versuche man in der Regel, gemeinsam alternative Standorte oder Lösungen für solche Projekte zu erörtern.

«Ich nutze meinen Spielraum»

Die primäre Aufgabe der Förster von Swissgrid ist, sicherzustellen, dass die Vegetation die Netz­infrastruktur nicht beeinträchtigt oder gar beschädigt. Für Gaëtan Grossrieder, der auch eine Ausbildung zum Umweltmanager absolviert, spielen aber auch die vier zentralen Waldfunktionen – Schutz, Erholung, Produktion und Biodiversität – eine wichtige Rolle. «Wenn sich eine Möglichkeit für Biodiversitätsmassnahmen ergibt, versuche ich, diese umzusetzen. Wir sind daher wahrscheinlich die grünste Einheit bei Swissgrid.» Kleine Teiche für Frösche bei Maststandorten, Steinhaufen für Reptilien oder Vogelhäuschen an Masten – die Möglichkeiten seien sehr vielfältig, und an 500 der 12 000 Swiss­grid-Masten seien bereits Biodiversitätsmassnahmen umgesetzt worden. «Biodiversität ist für Swissgrid keine Hauptaufgabe, aber wenn wir sie nebenbei fördern können, dann tun wir das. Das ist mir persönlich wichtig, und dafür nutze ich meinen Spielraum.»

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